Der Bildungsbaum wird als Bauwerk im Werden verstanden. Er schreibt sich in die zeitlichen Prozesse des Waldes ein und verknüpft ökologische Dynamiken, forstliche Nutzung und architektonische Transformation. Wachsen, Nutzen, Weiterverwenden und in natürliche Kreisläufe Zurückführen werden nicht nur thematisch vermittelt, sondern räumlich und konstruktiv erfahrbar gemacht.
Der baubotanische Ansatz bildet den konzeptionellen Kern des Projekts. Vor den Fußpunkten des Rundholztragwerks werden Rotbuchen gepflanzt, deren Wuchsrichtung der Geometrie der Konstruktion folgt. Durch Schnitt und Führung werden die Triebe entlang der Struktur nach oben geführt und unterhalb der Plattformen miteinander verbunden. So verwachsen sie miteinander und an den Knotenpunkten auskragende Stahlelemente wachsen schrittweise in die lebende Konstruktion ein. Auf diese Art entsteht über die Jahre eine lebende Ergänzung des Tragwerks, die Wachstum sichtbar macht und perspektivisch auch konstruktiv wirksam werden kann. Die äußeren diagonalen Holzstützen sind dabei bewusst nicht als dauerhaft geschützte Bauteile, sondern als austauschbare, der Witterung ausgesetzte Begleiter einer lebenden Tragstruktur gedacht. Sie können einzeln durch neue Stützen ersetzt oder langfristig – sobald die baubotanische Struktur die nötige Tragfähigkeit erreicht – von lebendem Holz abgelöst werden. Die Zeitlichkeit des Waldes wird damit nicht nur erzählt, sondern in die Konstruktion selbst eingeschrieben. Für die Besucherinnen und Besucher wird der Bildungsbaum zu einem anschaulichen Lehrstück über Wachstum, Pflege, Zeit und Materialkreisläufe.
Biodiversität ist von Beginn an als eigenständiges Entwurfsprinzip mitgedacht. In der frühen Phase fördern durch den baulichen Eingriff hervorgerufene lichte Bedingungen, Totholz und offene Bodenstellen erste Pioniervegetation und schaffen Nahrung und Nischen für Insekten und frühe Besiedler. In der Zwischenphase verdichtet sich die junge Buchenstruktur, bildet Strauchhabitate, geschützte Rückzugsräume und neue Brutgelegenheiten. In der späteren Klimaxphase entstehen durch die großen Buchen, Stammhöhlen, Borkenstrukturen und das in der Struktur belassene Totholz dauerhafte Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und weitere Waldorganismen. Der Entwurf beschreibt Biodiversität damit als zeitliche Sukzession, die sich mit dem Bauwerk verändert und von Schulklassen über Jahre hinweg beobachtet werden kann.
Mehrere offene Themenplattformen führen vom bodennahen Bereich über die Strauch- und Stammzone bis in den lichten Kronenraum und bieten Gruppen von 30 bis 50 Personen Platz. Eine durchlaufende Grafik am Aufzugsschacht erläutert die physiologischen Prozesse des Baumes ebenso wie die klimatischen und ökologischen Unterschiede der einzelnen Höhenstufen. Das Lernen ist damit in die räumliche Erfahrung des Bauwerks eingebunden: Die Besucherinnen und Besucher bewegen sich nicht nur durch Ebenen, sondern durch unterschiedliche Schichten und Lebensbedingungen des Waldes.
Insgesamt entwickelt der Entwurf einen architektonischen Rahmen, in dem der Wald selbst zum Akteur wird. Der baubotanische Bildungsbaum ist Aussichtspunkt, Lernraum, Habitatgerüst und lebendiger Prozess zugleich. Seine architektonische Qualität liegt darin, dass Baubotanik und Biodiversität das Projekt von Beginn an prägen – räumlich, didaktisch und zeitlich. So wird der Bildungsbaum zu einem Bauwerk, das aus der Logik des Waldes heraus gedacht ist und die Leitidee des Hauses des Waldes in gebaute Form übersetzt.
Projekt
Bildungsbaum, Erweiterung Haus des Waldes
Was
Wettbewerb, Anerkennung
Wo
Stuttgart
Wann
2026
Bildungsbaum, Erweiterung Haus des Waldes
Was
Wettbewerb, Anerkennung
Wo
Stuttgart
Wann
2026
In Kooperation mit Studio Animal-Aided Design und Jan Knippers Ingengieure
Skizze Balkon mit erwachsen Bäumen (Ebene 12.60m): Die Bäume haben teilweise die Tragfunktion übernommen und Stützen wurden entfernt.
Skizze oberste Ebene mit erwachsen Bäumen (Ebene 21.70m): Blick in die Baumkronen des umliegenden Waldes von der obersten Plattform.
Ansicht Südost mit jungen Bäumen
Ansicht Nordost mit jungen Bäumen
Ansicht Nordwest mit heranwachsenden Bäumen
Ansicht Südwest mit heranwachsenden Bäumen
Ansicht Nordost mit erwachsenen Bäumen
0-10 Jahre: Junger, lichter Wald
10-30 Jahre: Pionierwald / Zwischenwaldphase
30-80 Jahre: Klimaxphase
Dachaufsicht
Grundriss 21,70m
Grundriss 17,85m
Grundriss 12,60m
Grundriss 8,75m
Grundriss 4,90m
Grundriss 0,00m